(Leicht gekürzter und veränderter Nachdruck des Beitrages von Ludwig Stampfer in den Mitteilungen des Historischen Vereins für Steiermark 35, Graz 1887, S. 17-29) Als die merkwürdigsten und wenigstens in Europa ältesten Denkmale menschlicher Tätigkeit dürften die künstlichen Erdhöhlen angesehen werden, deren Vorkommen nicht bloß in unserer engeren Heimat, sondern auch in Niederösterreich festgestellt wurde. Wenn wir von künstlichen Höhlen sprechen, so ist diese Bezeichnung nicht als bloßer Gegensatz zu den von der Natur gebildeten unterirdischen Räumen aufzufassen, sondern in dem konkreten Sinne, dass diese Bauten, deren Anlage und Ausführung notwendig technische Kenntnisse voraussetzen, wirkliche Kunstdenkmale darstellen.
Die künstlichen Höhlen, in Niederösterreich „Erdställe“, auch „Hauslöcher“ genannt, in Kaindorf aber mit dem schöner klingenden Namen „Frauenhöhlen“ bezeichnet, sind meist in lehmigem Sande, der leicht zu bearbeiten war und dennoch hinlänglichen Schutz vor dem Einsturze bot, mit großer Sorgfalt und Regelmäßigkeit ausgegraben. Da alle diese Baue in den verschiedensten Ländern in ihren Hauptzügen eine unverkennbare Ähnlichkeit aufweisen, so ist man zur Annahme gelangt, dass zur Zeit ihrer Anlegung eine eigene Zunft, ähnlich jener der römischen „Fossores“, bestanden habe.
Der Eingang befindet sich entweder in einem Wald, und diese Höhlen sind meist die besterhaltenen, oder er führt unter einem Hause, gewöhnlich im Keller, in der Erde fort.
Man hat aus letzterem Umstand schließen wollen, dass diese Höhlen nichts anderes seien, als unterirdische Gänge, wie man sie in früheren Zeiten zum persönlichen Schutze anzulegen pflegte. Doch ist es viel wahrscheinlicher, dass diese Höhlen schon bestanden, bevor sich über ihnen eine menschliche Wohnung erhob, und dass sie gerade durch den Hausbau entdeckt, und die vorgefundenen Kammern zu Kellern benützt oder erweitert wurden.
Die künstlichen Höhlen, in ihrer Hauptrichtung fast durchgehend von Süden nach Norden ziehend, bilden ein System von Gängen und Kammern.
Der Eingang fällt gewöhnlich sehr steil in die Tiefe ab und ist so niedrig, dass man ihn nur auf dem Bauche kriechend passieren kann. Bald jedoch erhöht und erweitert sich der Gang, führt bald aufwärts, bald abwärts, bald in gerader, bald in krummer Linie fort, biegt in allen möglichen Winkeln um, verzweigt sich in mehrere Gänge, die, eine geometrische Figur umschließend, oft wieder in den Hauptgang zurückkehren, bis er schließlich in eine größere Räumlichkeit - Kammer genannt - einmündet oder sich aus derselben weiter fortsetzt. Die Gänge haben glatte, entweder senkrecht oder schon von der Basis an schief aufsteigende Wände, die sich oben zu einem runden oder spitzbogenförmigen Deckengewölbe vereinigen.
Die Kammern zeigen im Grundriss meist ein Viereck, seltener die ovale Form und sind im großen und ganzen von gleicher Struktur wie die Gänge, nur dass sie nach Höhe und Breite größere Dimensionen haben.
Um die Ventilation in diesen Räumen herzustellen und vielleicht auch noch zu anderen geheimnisvollen Zwecken, führen sowohl von den Kammern, als auch von den Gängen, und hier gewöhnlich dort, wo sie im Winkel umbiegen oder wo Nebengänge abzweigen, in senkrechter oder schiefer Richtung Luftlöcher auf die Oberfläche der Erde.
An den Wänden der Gänge bemerkt man kleinere und größere Nischen, von denen die ersten als Tast-, die letzteren, welche noch jetzt Rauchspuren zeigen, als Lichtnischen betrachtet werden.
Nachdem wir nun diese, allen derartigen Höhlen gemeinsamen Eigentümlichkeiten vorausgeschickt haben, wenden wir uns zur Beschreibung der Frauenhöhle bei Kaindorf bzw. Hofkirchen.
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Es berichtet die Tradition von mehreren solchen Höhlen in der Umgebung. So erzählte mir ein Bauer am Vockenberg, dass er bei Vergrößerung seines Hauses auf eine Erdhöhle gestoßen sei, die ihre Richtung aufwärts, einem Brunnen zu, genommen habe. Leider ist sie nicht mehr zugänglich, da ihr Eingang vermauert wurde.
Die bedeutendste Erdhöhle befindet sich in einem Wald am sogenannten Hinterbüchl, dem letzten Ausläufer des Vockenberges, westlich von Kaindorf. Sie erfreute sich in früheren Jahren eines zahlreichen Besuches von Einheimischen und Fremden, wie die vielen in die Wände eingeritzten Namen bezeugen. In der Gegenwart aber war sie wegen des in den Gängen aufgehäuften Sandes und des nahezu verschütteten Eingangs ganz unzugänglich geworden.
Die Gänge zeigen sich durchgehend so niedrig, dass wir bald auf den Knien vorwärts rücken, bald auf dem Bauche liegend uns durch die engsten Stellen hindurchzwängen müssen.
Da man sich allgemein für diese Höhle interessierte und den Wunsch äußerte, dass deren Besuch weniger unbequem und, wie man glaubte, minder lebensgefährlich gemacht werde, so ließ man 1886 vier Taglöhner weiter arbeiten, um den durch den Regen hineingeschwemmten und stellenweise bis zu 50 cm angehäuften Sand hinauszuschaffen. Wahrlich keine kleine Arbeit, wenn man bedenkt, dass der Sand von Stelle zu Stelle geworfen, und erst von dem Letzten ins Freie befördert werden konnte. Dank dem Eifer dieser Leute, die mit sichtlichem Interesse an die Arbeit gingen, ist die Höhle bis auf wenige Gänge, deren Reinigung vielleicht später in Angriff genommen wird, in einem solchen Zustand, dass man fast durchgehend aufrecht, und nur einige Male in leicht gebückter Haltung, gehen kann.
Der angeschlossene Grundriss, nach genauen Messungen aufgenommen, bietet ein Bild dieses interessanten Baues. Der Eingang, welcher gegenwärtig bei A liegt, war früher ohne Zweifel weiter gegen Süden gerückt, wie die beiden noch nicht geräumten Gänge d2 und d3 , welche jetzt ins Freie münden, früher aber mit dem Hauptgange in Verbindung standen, mit Sicherheit schließen lassen.
Die Bloßlegung einer 4-5 m langen Gangstrecke und die Hineinrückung des gegenwärtigen Eingangs dürfte in dem Umstande ihre Erklärung finden, dass dieser Ort seit undenklichen Zeiten als Sandgrube benützt wurde.
Nachdem man den jäh abfallenden Eingang bei A passiert hat und in der Richtung a vorgeschritten ist, gelangt man nach mehreren Biegungen in die Kammer I. Ihre Länge beträgt 5,6 m, die Breite 1,2 m, die Höhe 1,9 m. Die Gänge 1,3 bis 1,6 m hoch und an der Sohle 80 bis 90 cm breit, zeigen gleich den Kammern ausschließlich die Spitzbogenform; an den Wänden sind Licht- und Tastnischen angebracht, von der Decke aus führen besonders dort, wo die Gänge im Winkel umbiegen und am Eingang und Abschluß der Kammern gerade und schief aufsteigende Luftröhren in die Höhe. Diese Luftröhren - in der Zeichnung mit kleinen Kreisen angedeutet - sind unten trichterförmig erweitert, etwa 30 cm im Durchmesser, und laufen nach aufwärts immer enger zusammen.
Gleich beim Eingang in die erste Kammer zweigen in nahezu entgegengesetzter Richtung zwei schmale und niedrige Gänge ab, von denen der eine d3 gegen den Eingang zu ins Freie führt, während d4 nur einige Meter weit verfolgt werden konnte.
Aus der ersten Kammer führt ein niederer 90 cm hoher und 1 m tiefer Gang in die Kammer II. Ihre Dimensionen betragen: Länge 4,7 m, Breite 1,6 m, Höhe 2,1 m; die Wände laufen nicht in gerader, sondern in leicht gekrümmter Richtung fort.
Die Kammer ist an beiden Wänden bis hinauf an das Deckengewölbe mit Namen früherer Besucher so vollständig bedeckt, dass man kaum den einen oder andern aus dem Gewirre der Buchstaben und Ziffern enträtseln kann; aus den ältesten Jahreszahlen waren nur zwei mit Bestimmtheit zu lesen, die eine hatte die Zeichen MCC - ob und was noch darauf folgte, ist nicht bekannt, da andere neuere Schriftzeichen daran stoßen, jedenfalls aber stammt sie mindestens aus dem 15. Jahrhundert - die zweite zeigte die Zahl 1685.
Von der rechten Ecke dieser Kammer führt ein ovaler, 30 cm breiter und 50 cm hoher Gang in der Erde weiter und zweigt sich nach etwa 2 m links und rechts ab. Ob er von Menschenhänden oder von Tieren in diese Form gebracht worden ist, wird eine beabsichtigte Räumung und Untersuchung dartun.
Mit Hilfe mehrerer an ihren Enden verbundenen Stäbe prüften wir die Höhe der am Ende der 2. Kammer hinaufführenden Luftröhre und stießen nach 5,6 m auf lockeren Widerstand; wir befanden uns also mindestens 6 m unter der Erdoberfläche.
Ein mit starker Stimme ausgestatteter Herr schrie durch diese Öffnung hinauf, wurde aber trotz der gespanntesten Aufmerksamkeit an der Oberfläche nicht gehört; ein Beweis, dass die Luftröhre ein gutes Stück verschüttet ist.
Sehr merkwürdig sind die mit e und f bezeichneten Stellen. Man denke sich im Gange, etwa 30 cm vom Boden entfernt, eine ovale Öffnung, gerade so groß, um ein schmächtiges Knäblein hineinkriechen zu lassen. Man ließ die Öffnung bei f erweitern und sah nun, wie das horizontal etwa 60 cm weit hineinführende Gangstück unter einem rechten Winkel abbog und schornsteinartig senkrecht in die Höhe ging. Mit Hilfe eines an einem Stabe befestigten Lichtes bemerkte man, daß der Schlauch sich immer mehr und mehr verengte, und dass in dem Löße ganz gut erkennbare Absätze angebracht waren, etwa um einem Hinaufkriechenden das Einsetzen der Füße zu gestatten. Wohin der Schlauch führt, konnte man nicht mehr beobachten.
Von ganz gleicher Beschaffenheit ist die Öffnung bei e. Diese schlauchartigen Gänge bilden ein bisher noch ungelöstes Rätsel.
Es drängt sich unwillkürlich die Frage auf: Da diese Schläuche so eng sind, dass kaum ein Kind durchkriechen kann, wie sind sie aus dem Löße herausgearbeitet worden?
Gehen wir wieder zurück und biegen in den Gang b ein, so treffen wir bei c eine sehr schön gearbeitete, ein Meter hohe, breite und tiefe, oben abgerundete und bis an den Boden reichende Nische, welche wahrscheinlich als Ausweichstelle gedient hat. Von da führt der Gang nach kurzer Strecke in die Kammer III. Im Hintergrund derselben befindet sich eine der merkwürdigsten Partien des ganzen Baues. Links geht ein schmaler, niedriger Gang rampenförmig aufwärts, setzt sich nach oben in einem senkrechten Schacht fort, während er sich unten nach rechts dreht. In der Mitte der hinteren Kammerwand öffnet sich in halber Manneshöhe vom Boden entfernt ein sehr kurzer Gang, der sich mit dem von links kommenden vereinigt und rechts nach kurzer Strecke gänzlich abschließt.
d1 bezeichnet einen langen, schmalen, noch nicht geräumten Gang, der zum ursprünglichen Eingang hinzuführen dürfte.
Man hat diese Höhlen früher als heidnische Kultstätten bezeichnet, doch sind sie wie die Fluchtgänge in die Zeit der jahrzehntelangen Bedrohung durch die Türken in der zweiten Hälfte des 15. und 16. Jahrhunderts einzuordnen.
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